Chipperfield Cathedral

Nach meinem Besuch in der Gerhard-Richter-Ausstellung wollte ich natürlich die Gelegenheit nutzen, den neuen Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich von David Chipperfield zu besichtigen, der eben erst fertiggestellt worden ist.

Die erste Ausstellung ist für Herbst 2021 geplant und so präsentiert sich der Bau momentan weitgehend als noch leere Hülle des „Museum für das 21. Jahrhundert“, wie die Zürcher Kunstgesellschaft den Neubau unbescheiden beschreibt.

Gerade im Kunstbereich präsentieren sich viele moderne Museen und Kunsthäuser als eigentliche Kathedralen der Kunst. Auch in Zürich vermittelt die Architektur von David Chipperfield Architects eine geradezu sakrale Stimmung. Messing und goldartige Elemente in Verbindung mit wuchtigen Betonwänden erzeugen eine feierlich erhabene Stimmung.

Für die Idee der Zürcher Kunstgesellschaft schuf er Räume, die dienen und Eindruck machen: grosszügige, repräsentative Grundrisse wechseln sich ab mit nach beinahe privaten Proportionen gestalteten Bereichen.

Dokumentation Kunsthaus Zürich, 2021

Ob diese Art der monumental-sakralen Architektur dem international verbreiteten Demokratisierungsgedanken im Museumsbereich dient oder eher weniger? Oder will man doch eher unter sich bleiben?

An den Testtagen für den Betrieb wurde diese sakrale Stimmung noch durch eine Installation mit unterschiedlichen Kirchenglocken von William Forsythe unterstrichen. Ein durchaus spannendes und interessantes akustisches Projekt, dass das Museumsgebäude zu einem grossen und beeindruckenden Resonanzraum macht.

Interessanterweise bin ich bei der Beschäftigung mit Gerhard Richter über das folgende – schon alte – Zitat gestossen, dass meine Wahrnehmung von Kunsthäusern indirekt bekräftigt.

Die Kunst ist nicht Religionsersatz, sondern Religion (im Sinne des Wortes, ,Rückbindung‘, ,Bindung‘ an das nicht Erkennbare, Übervernünftige, Über-Seiende). Das heißt nicht, dass die Kunst der Kirche ähnlich wurde und ihre Funktion übernahm (die Erziehung, Bildung, Deutung und Sinngebung). Sondern weil die Kirche als Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen und Religion zu verwirklichen, nicht mehr ausreicht, ist die Kunst, als verändertes Mittel, einzige Vollzieherin der Religion, das heißt Religion selbst.

Notizen 1964–1965

Inwieweit sich Chipperfields neuer Museumsbau als architektonischer Innovationsmassstab für die Kunstvermittlung im 21.Jahrhundert etablieren kann, wird sich zeigen, wenn die Räume mit Kunst und Leben gefüllt werden. Für den Moment habe ich versucht, das Leben durch die „Test-Besucher“ mit Fotografien abzubilden.

 

 

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